WissenGrundlagenZeitwertverfall

Der Stillhalter als Versicherung

Stell dir eine Versicherung wie die Allianz vor. Sie verkauft jeden Tag tausende Policen und kassiert dafür Prämien. Die meisten Kunden haben in der Laufzeit keinen Schaden, die Prämie bleibt bei der Versicherung. Ab und zu muss sie zahlen, manchmal auch viel. Unterm Strich verdient sie trotzdem, weil sie insgesamt mehr Prämien einnimmt, als sie für Schäden ausgibt.

Genau so arbeitet ein Stillhalter. Wer einen Put verkauft, versichert den Käufer gegen fallende Kurse. Der Käufer zahlt dafür eine Prämie, und die gehört dem Stillhalter sofort. Fällt der Kurs nicht unter den Strike, verfällt die Option wertlos, und die Prämie ist verdient. Fällt er deutlich darunter, muss der Stillhalter einspringen, wie die Versicherung im Schadensfall.

Der wichtigste Unterschied: Eine Versicherung verteilt ihr Risiko auf sehr viele Kunden und sichert sich selbst noch einmal ab. Als privater Stillhalter musst du das selbst übernehmen, mit kleinen Positionen, verschiedenen Basiswerten und einem Plan für den Schadensfall.

Auch der Stillhalter kann sich versichern

So wie sich eine Versicherung bei einer Rückversicherung gegen sehr große Schäden absichert, kann sich auch der Stillhalter absichern. Dazu kauft er zusätzlich einen Put mit einem tieferen Strike. Fällt der Kurs stark, zahlt ihm dieser gekaufte Put den Schaden unterhalb seines Strikes. Der mögliche Verlust ist damit von Anfang an begrenzt und genau bekannt.

Diese Absicherung kostet einen Teil der eingenommenen Prämie, ein Teil der Einnahme bleibt aber übrig. Aus dem einfachen verkauften Put wird so ein Put-Spread mit fest begrenztem Risiko.

Beispiel, Aktie bei 100 $
Nur Put 95 verkauftPrämie 2,00 $ = 200 $ EinnahmeGrößter Verlust: bis zu 9.300 $, wenn die Aktie auf null fällt
Put 95 verkauft + Put 90 gekauftPrämie 2,00 $ − 0,80 $ = 120 $ EinnahmeGrößter Verlust: 380 $ (5 $ Abstand × 100 − 120 $)

Beispielwerte zur Veranschaulichung, keine echten Marktpreise.

Was ist der Zeitwert?

Der Preis einer Option besteht aus zwei Teilen. Der innere Wert ist das, was die Option sofort wert wäre, wenn man sie heute ausübt. Der Zeitwert ist der Aufpreis dafür, dass bis zum Verfall noch etwas passieren kann. Dieser Zeitwert schmilzt jeden Tag ein Stück ab und ist am Verfallstag bei null. Genau diesen Teil verdient der Stillhalter, wenn der Kurs mitspielt.

Optionspreis=innerer Wert+Zeitwert

Zeitwertverfall interaktiv

Stell das Delta von 5 bis 90 in Fünferschritten ein, dazu die Laufzeit und die Volatilität. Die grüne Kurve zeigt, wie der Zeitwert der gewählten Option bis zum Verfall abschmilzt. Die gestrichelten Kurven zeigen zum Vergleich Optionen mit Delta 20, 50 und 80.

55090
745120
1055100

Zeitwert einer Call-Option bis zum Verfall

0100200300400454035302520151050Zeitwert in $ je KontraktTage bis Verfallletzte 30 TageDelta 20Delta 80
gewählte Option (Delta 50)Vergleich: Delta 20 / 80

Modellrechnung mit Black-Scholes, Aktienkurs 100 $, Zinssatz 4 %, Kurs und Volatilität bleiben bis zum Verfall gleich. Puts verhalten sich beim Zeitwert genauso.

Was man in der Grafik sieht

Am Geld steckt der meiste Zeitwert

Optionen mit Delta um 50 haben den höchsten Zeitwert und damit die meiste Prämie. Je weiter im oder aus dem Geld, desto kleiner wird er.

Am Geld beschleunigt sich der Verfall

Bei Delta 50 verfällt in der ersten Hälfte der Laufzeit nur rund ein Drittel des Zeitwerts. Der große Rest schmilzt in den letzten Wochen, besonders in den letzten 30 Tagen.

Weit aus dem Geld geht es früher

Bei kleinem Delta ist der Zeitwert gering und verfällt schon früh zu einem großen Teil, solange der Kurs sich nicht bewegt. Wenig Prämie, aber auch wenig Risiko.

Hohe Volatilität, mehr Prämie

Steigt die Volatilität, steigt der Zeitwert aller Optionen. Stillhalter verkaufen deshalb gern, wenn die Volatilität hoch ist.

Die Grafik nimmt an, dass Kurs und Volatilität gleich bleiben. In der Praxis bewegen sich beide, und eine verkaufte Option kann trotz Zeitwertverfall mit Verlust enden. Keine Anlageberatung.