WissenGrundlagenDie Griechen

Der Preis einer Option hängt nicht nur vom Kurs der Aktie ab. Auch die Restlaufzeit, die Schwankungsbreite (Volatilität) und der Zinssatz spielen mit. Die sogenannten Griechen zeigen dir, wie stark sich der Optionspreis verändert, wenn sich genau einer dieser Faktoren bewegt.

Du findest sie in jeder Handelsplattform, zum Beispiel in der Trader Workstation (TWS) von Interactive Brokers direkt in der Optionskette. Wer sie versteht, kann Strikes gezielter wählen, Risiken besser einschätzen und weiß, warum eine Position Geld verdient oder verliert. Ihren Namen haben sie, weil die meisten mit griechischen Buchstaben bezeichnet werden.

Kurz erklärt: Stillhalter sind Händler, die Optionen verkaufen und dafür eine Prämie kassieren. Der Strike ist der vereinbarte Kauf- oder Verkaufspreis. „Im Geld“ heißt, die Option hätte beim Ausüben schon einen Wert. „Am Geld“ heißt, der Strike liegt nahe am aktuellen Kurs. „Aus dem Geld“ heißt, sie hätte noch keinen Wert. Ein LEAP ist eine Option mit mehr als einem Jahr Laufzeit.

Delta

Wie stark reagiert die Option auf den Aktienkurs?

Was es misst
Veränderung des Optionspreises, wenn die Aktie um 1 $ steigt
Vorzeichen / Wertebereich
Calls 0 bis 1, Puts 0 bis −1

Delta ist der wichtigste Grieche. Es sagt dir, um wie viel sich der Preis der Option verändert, wenn die Aktie um 1 $ steigt. Ein Call mit Delta 0,50 wird also etwa 0,50 $ teurer, wenn die Aktie 1 $ zulegt. Bei einem Kontrakt über 100 Aktien sind das 50 $.

Calls haben ein positives Delta zwischen 0 und 1, Puts ein negatives zwischen 0 und −1. Optionen am Geld (Strike nahe am Kurs) liegen bei etwa 0,50. Je tiefer im Geld, desto näher an 1 bzw. −1; je weiter aus dem Geld, desto näher an 0.

Delta lässt sich außerdem grob als Wahrscheinlichkeit lesen, dass die Option im Geld verfällt. Ein Put mit Delta −0,20 endet also grob geschätzt in 20 von 100 Fällen im Geld. Das ist eine Faustregel, keine Garantie. Genau deshalb wählen viele Stillhalter ihre Strikes über das Delta.

In der Praxis

  • Verkaufte Puts mit Delta 0,15 bis 0,30 gelten als gängiger Kompromiss zwischen Prämie und Sicherheit.
  • Ein LEAP-Call mit Delta um 0,80 bewegt sich fast wie die Aktie selbst, kostet aber nur einen Bruchteil.
  • Ein Kontrakt umfasst 100 Aktien. Ein Call mit Delta 0,80 verhält sich deshalb ungefähr wie 80 Aktien (0,80 × 100). Mehrere Positionen zählst du einfach zusammen.

Gamma

Wie schnell ändert sich das Delta?

Was es misst
Veränderung des Deltas, wenn die Aktie um 1 $ steigt
Vorzeichen / Wertebereich
positiv für gekaufte, negativ für verkaufte Optionen

Gamma ist das Tempo, mit dem sich das Delta verändert. Hat ein Call Delta 0,50 und Gamma 0,05, steigt das Delta auf etwa 0,55, wenn die Aktie 1 $ zulegt. Gamma beschreibt also, wie schnell eine Position empfindlicher wird.

Am größten ist Gamma bei Optionen am Geld mit kurzer Restlaufzeit. Kurz vor dem Verfall kann schon eine kleine Kursbewegung das Delta von 0,30 auf 0,70 springen lassen. Langlaufende Optionen wie LEAPs haben dagegen ein kleines Gamma und reagieren ruhiger.

Wer Optionen kauft, hat positives Gamma: Bewegungen helfen ihm. Stillhalter haben negatives Gamma: Starke Bewegungen gegen die Position werden schnell teuer.

In der Praxis

  • Verkaufte Optionen in der letzten Woche vor Verfall sind besonders gammaempfindlich. Darum schließen oder rollen viele Händler früher.
  • Bei Spreads gleichen sich die Gammas der gekauften und verkauften Seite teilweise aus.

Theta

Wie viel Wert verliert die Option pro Tag?

Was es misst
Wertverlust der Option pro Tag bei sonst gleichen Bedingungen
Vorzeichen / Wertebereich
negativ für gekaufte, positiv für verkaufte Optionen

Theta ist der Zeitwertverfall. Es zeigt, wie viel eine Option jeden Tag an Wert verliert, wenn sich sonst nichts ändert. Ein Theta von −0,04 bedeutet: Die Option ist morgen rund 0,04 $ weniger wert, also 4 $ pro Kontrakt.

Für Käufer ist Theta ein täglicher Kostenfaktor, für Verkäufer ist es die Einnahmequelle. Stillhalter verdienen also Geld, während die Zeit vergeht. Das ist der Kern jeder Stillhalter- und Cashflow-Strategie.

Der Zeitwertverfall läuft nicht gleichmäßig. In den letzten 30 bis 45 Tagen vor dem Verfall beschleunigt er sich deutlich, besonders bei Optionen am Geld. Darum verkaufen viele Händler Optionen mit dieser Restlaufzeit.

In der Praxis

  • Beim Poor Man's Covered Call verliert der LEAP wenig Zeitwert pro Tag, der kurz laufende verkaufte Call dagegen viel. Diese Differenz ist dein Ertrag.
  • Hohes Theta geht meist mit hohem Gamma einher. Mehr Prämie pro Tag heißt auch mehr Risiko bei starken Bewegungen.

Vega

Wie stark reagiert die Option auf die Volatilität?

Was es misst
Veränderung des Optionspreises, wenn die implizite Volatilität um 1 Prozentpunkt steigt
Vorzeichen / Wertebereich
positiv für gekaufte, negativ für verkaufte Optionen

Vega zeigt, wie sehr der Optionspreis von der erwarteten Schwankung, der impliziten Volatilität (IV), abhängt. Ein Vega von 0,10 heißt: Steigt die IV um einen Prozentpunkt, etwa von 30 % auf 31 %, wird die Option rund 0,10 $ teurer.

Steigt die Unsicherheit am Markt, zum Beispiel vor Quartalszahlen oder bei Kursstürzen, steigt die IV und damit der Preis aller Optionen. Beruhigt sich der Markt, fällt sie wieder. Dieser Rückgang nach einem Ereignis heißt IV-Crush.

Langlaufende Optionen haben ein deutlich höheres Vega als kurz laufende. Ein LEAP kann also spürbar an Wert verlieren, wenn die Volatilität fällt, selbst wenn die Aktie sich kaum bewegt.

In der Praxis

  • Optionen zu verkaufen lohnt sich besonders, wenn die IV hoch ist: Du kassierst mehr Prämie und profitierst, wenn sie wieder sinkt. Das Risiko: Steigt die IV weiter, wird deine verkaufte Option teurer und die Position rutscht ins Minus.
  • LEAPs kaufst du am besten, wenn die IV niedrig ist. Dann zahlst du weniger für den Zeitwert.
  • Auch Absicherungs-Puts werden teurer, wenn die IV steigt. Darum lohnt es sich, sie in ruhigen Phasen zu kaufen.

Rho

Wie stark reagiert die Option auf den Zinssatz?

Was es misst
Veränderung des Optionspreises, wenn der Zinssatz um 1 Prozentpunkt steigt
Vorzeichen / Wertebereich
positiv für Calls, negativ für Puts

Rho misst den Einfluss des Zinsniveaus. Steigende Zinsen machen Calls etwas teurer und Puts etwas günstiger. Der Grund: Wer einen Call statt der Aktie kauft, bindet weniger Kapital und kann den Rest verzinst anlegen.

Bei kurz laufenden Optionen ist Rho so klein, dass du es meist ignorieren kannst. Wichtig wird es erst bei langen Laufzeiten, also bei LEAPs mit einem oder zwei Jahren Restlaufzeit.

In der Praxis

  • Für wöchentliche oder monatliche Prämienstrategien spielt Rho praktisch keine Rolle.
  • Bei LEAPs lohnt ein Blick darauf, wenn die Notenbank die Zinsen deutlich verändert.

Für Fortgeschrittene

Neben den fünf wichtigsten gibt es weitere Griechen. Sie beschreiben, wie sich Delta und Vega selbst verändern. Für den Einstieg brauchst du sie nicht, aber sie erklären manche Überraschung.

Vanna

Zeigt, wie sich das Delta verändert, wenn die Volatilität steigt oder fällt. Fällt die IV, rutscht das Delta von Optionen aus dem Geld weiter Richtung 0. Eine verkaufte Option wird dann schneller sicherer. Steigt die IV, passiert das Gegenteil: Das Delta wächst und die Option rückt näher ans Geld.

Charm

Zeigt, wie sich das Delta allein durch den Zeitablauf verändert. Optionen aus dem Geld verlieren mit jedem Tag Delta, Optionen im Geld nähern sich 1 bzw. −1. Besonders spürbar ist das in der letzten Woche vor Verfall.

Vomma

Zeigt, wie sich das Vega verändert, wenn die Volatilität steigt. Bei Optionen weit aus dem Geld wächst das Vega mit steigender IV. Darum werden sie in Panikphasen überproportional teurer.

Alle Griechen auf einen Blick

GriecheBeantwortet die FrageWichtig für Stillhalter
DeltaWas passiert, wenn die Aktie steigt?Hilft bei der Strike-Wahl
GammaWie schnell ändert sich das Delta?Wird kurz vor Verfall zum Risiko
ThetaWas bringt mir ein Tag Zeit?Deine tägliche Einnahme
VegaWas passiert, wenn die Unruhe steigt?Verkaufen, wenn die IV hoch ist
RhoWas passiert, wenn die Zinsen steigen?Nur bei LEAPs relevant

Die Griechen sind Momentaufnahmen. Sie verändern sich laufend mit Kurs, Zeit und Volatilität. Diese Seite erklärt Zusammenhänge und ist keine Anlageberatung.